Das Mutterkuhprojekt

Milch erzeugen ohne die Kälber nach der Geburt von den Kühen zu trennen? Wie soll denn das funktionieren?

Genau diese Frage hätte ich vor ein paar Jahren auch ganz eindeutig mit "Gar nicht" beantwortet. Es war für mich völlig außerhalb meiner Vorstellungskraft, wie so etwas funktionieren könnte, obwohl ich es grundsätzlich schon gerne so gemacht hätte. Irgendwann im Jahr 2019 kamen nach und nach allerdings die ersten Ideen auf, wie es vielleicht doch funktionieren könnte.  

Nach einem ersten Versuch zur mutterkuhgebundenen Kälberaufzucht im Jahr 2020 und einem weiteren Versuch im Jahr 2022 startet nun der dritte und diesmal hoffentlich erfolgreiche Versuch, Kälber und Kühe nach der Geburt nicht mehr zu trennen, sondern sie gemeinsam aufwachsen zu lassen. Die Herausforderung dabei: Die Kühe sollen gleichzeitig ihre Kälber mit Milch versorgen und die übrige Milch, die die Kälber nicht trinken, beim Melkroboter abgeben.

In den vergangenen Versuchen wurden die Mütter der Kälber über die Weide, bzw. im zweiten Versuch über den Hof zu ihren Kälbern gelassen. Dort konnten sie sich dann eine Zeit lang gemeinsam aufhalten, bis die Kühe wieder zurück in den Kuhstall getrieben wurden. Das war sehr zeitaufwendig, manchmal kompliziert und manchmal auch mit Trennungsschmerz verbunden. Das größte Problem war dann der Trennungsschmerz, nachdem die Tränkezeit der Kuh insgesamt vorbei war und die Kuh gar nicht mehr in den Kälberstall durfte.

Deshalb nun dieser dritte Versuch, der eine etwas längere Planung und Umbaulösungen erforderte und so in dieser Form bisher wahrscheinlich noch auf keinem anderen Bauernhof der Welt durchgeführt wird. Über ein Selektionstor, welches die Kühe automatisch erkennt, werden die Mütter der Kälber in den Kälberstall geleitet. Alle anderen Kühe gelangen durch das Tor auf die Weide.

 

Vielleicht wird der Versuch ja erfolgreich und dann Nachahmer finden. Und falls nicht, werden so lange andere Dinge ausprobiert, bis es gut ist... Ich freue mich auch sehr über einen Austausch mit anderen Landwirten, die Ähnliches probieren.

Wenn Du die Verfolgung dieser Idee auch gut findest, kannst Du eine Projektpatenschaft übernehmen. Mehr dazu erfährst Du durch Klicken des Buttons. Außerdem bist Du herzlich eingeladen, unsere Milchtankstelle auszuprobieren und Dir dann selbst alles anzusehen.

So sieht der neue Kälberbereich erstmal aus. Ein Bereich nur für die Kälber, ein Bereich, wo sich Mutter und Kalb treffen können und ein provisorisches Dach für Schatten und als Regenschutz. Im vorderen Bereich liegen noch ein paar Dinge, die noch später eingebaut werden müssen.

Auf dem Video unter diesen Text ist einmal der Weg durch das Selektionstor nachgestellt. In diesem Fall ist der Ausgang die Weide, nicht der Kälberstall.

14.5.

Die ersten zehn gemeinsamen Minuten sind vorbei und schon hat die Kuh (die übrigens Rosamunde heißt und am 12.5. ihr Kalb bekommen hat) die ersten Schwachstellen  des Stalles entdeckt und kaputt gemacht.

Das habe ich der Kuh vorher wohl nicht richtig erklärt.

Außerdem haben Rosamunde und ihr Kalb heute noch nicht richtig zueinander gefunden. Das Kalb hat keine Milch am Euter getrunken. Es scheint fast so, als hätte Rosamunde ihr Kalb nicht erkannt, denn nachdem die Kuh zurück in die Herde getrieben wurde, ist sie kurze Zeit später über den Weidezaun gesprungen und zum Stall gelaufen, wo sie ihr Kalb geboren hat.

So, jetzt ist das wieder repariert und etwas stabiler gebaut worden. 

Durch dieses Loch können die Kälber durchlaufen, die Kühe aber eigentlich nicht, wenn sie es nicht kaputt machen. Auf diese Weise können sich die Kälber in einen Bereich zurückziehen, den die Kühe nicht erreichen können.

Ganz vorne im Kälberbereich gibt es Milch im Eimer oder auch Wasser im Eimer, weil ich gerade jetzt am Anfang noch nicht weiß, ob die Kälber auch Milch aus dem Euter der Kuh saufen. Wenn das irgendwann sicher gestellt ist, braucht hier keine Milch mehr angeboten werden.

 

Hier ist auch schon die zweite Schwachstelle aufgetaucht. Der Eimer steht nämlich in der prallen Sonne. das ist für die Keimbelastung der Milch wahrscheinlich nicht förderlich.

Deshalb wurde der Platz für die Eimer jetzt in den Schatten verlegt.

Der Kälberbereich

Hier ist der Bereich, wo sich Kuh und Kalb treffen. Diese Kuh (Herzilein) ist die Mutter des zweiten Kalbes, was schon sechs Tage alt ist und in den ersten Tagen die Milch über den Nuckeleimer bekommen hat, da der Stall noch nicht fertig war.

Unter diesem Text ist ein Video zu sehen, auf der eine Kuh durch das sogenannte "Texastor" zurück in den Stall läuft. Das Tor öffnet sich nur zu einer Seite. Es können also keine Kühe von der Stallseite aus auf die Weide laufen.

So sieht es im Kuhstall aus. An der Decke hängt eine Kuhdusche. Diese versorgt die Kühe mit kaltem Wassernebel zur Abkühlung an warmen Tagen.

Die Kühe müssen durch die "Bretterwand" durchlaufen, um in den Kälberbereich reinzukommen. Das so genannte "Texastor" öffnet nur in eine Richtung. Damit die Kühe lernen, das sie durch dieses Tor gehen können, ist die eine Seite mit einem Band festgebunden. 

Das ist keine Dauerlösung, weil die Kälber durch dieses offene Tor eventuell den Kälberbereich verlassen können. Wenn die Türen allerdings geschlossen sind, bleiben die Kühe davor stehen, auch mehrere Stunden, was auch nicht gut ist. 

Die Bretter sind hier angebaut worden, damit die Kälber nicht unter durch laufen können.

Wenn eine Kuh durch diese Tore herausgetrieben werden soll, müssen zum Lernen erstmal beide Türen offen sein. Da Festhalten und Kuh heraustreiben nicht gleichzeitig geht, habe ich hier jetzt Haken angebracht, um die Tür daran festzubinden.

Jetzt ist eine Seite offen und die Kuh kann lernen, dass das andere Tor sich auch bewegt und öffnet. 

Rosamunde hat das Tor heute schon alleine geöffnet. Herzilein noch nicht.

So sieht der Ausgang nach draußen von innen aus. Ich kann gut verstehen, dass die Kühe da Respekt vor haben.

Hier ist der Blick von der Weide. Die Tiere können von dieser Seite nicht in den Kälberbereich, da die Türen nur in die andere Richtung aufgehen.

Blick von der Weide in den Kälberstall. Dieser Zaun ist für die Kühe auch noch nicht fest genug und muss unbedingt in den nächsten Tagen unterstützt werden.

Blick auf die Weide

Durch dieses Tor müssen alle Kühe durchgehen, um zurück in den Stall zu gelangen.

Ein Blick in den Stall. Für Kälber wäre dieser Bereich völlig ungeeignet. Sie könnten sich hier schnell verletzen.

15.5.

Rosamunde musste heute zum Melkroboter getrieben werden. Gestern war sie noch alleine dorthin gegangen. Da ihr Kalb einige Liter Milch aus dem Euter getrunken hat, ist der Wunsch zum Melken durch den Roboter zu gehen, möglicherweise nicht so hoch.

Auf dem Computerbildschirm ist zu sehen, das Rosamunde mehrmals durch das Selektionstor gegangen ist (Grazeway). Sie war also auch mehrmals am Tag beim Kalb.

Auch Herzilein ist durch das Grazeway gelaufen. Leider hat die Selektion in den Kälberstall heute nicht immer funktioniert, so dass ihr Kalb heute Abend wieder mit dem Nuckeleimer Milch erhalten hat. Dieses technische Problem muss noch gelöst werden. Die Ursache kenne ich noch nicht.

16.5.

Heute Nacht hat das Selektionstor gar nicht funktioniert. Deshalb stand Rosamunde vor dem Zaun, wollte zu ihrem Kalb, aber konnte nicht. Ich habe dann das Tor von Hand geöffnet, so dass sie zu ihrem Kalb gelangen konnte. Ihr Kalb hat dann auch zügig Milch getrunken. Das zweite Kalb wird von Rosamunde übrigens nicht ans Euter gelassen und weggestoßen, wenn es sich nähert. Dieses Kalb habe ich jetzt erstmal mit dem Eimer versorgt.

 

Heute Nachmittag waren die Monteure von Firma "Lely" vor Ort. Firma "Lely" hat im Jahr 2013 den Melkroboter bei uns eingebaut und ist seitdem auch regelmäßig vor Ort, um die Wartungsarbeiten durchzuführen. Diese Firma hat auch das Selektionstor eingebaut. Es ist eigentlich ein Tor, dass verhindern soll, dass alle Tiere gleichzeitig auf die Weide laufen und dann den Melkroboter nicht mehr besuchen. Aber in unserem Fall ist es auch die Lösung, um die ausgewählten Kühe in den Kälberstall zu lassen.

18.5. 

Auch gestern hat das Selektionstor noch nicht so gearbeitet wie es soll. Deshalb waren die Monteure von Lely noch einmal da, um die Einstellungen anzupassen.

Rosamunde tränkt ihr Kalb mittlerweile mit geschätzten 10 bis 15 Litern am Tag in vier bis sechs Etappen. Das selbständige Rauslaufen aus dem Selektionsbereich macht sie noch nicht. Dazu muss ich ihr immer noch eine Türseite des Texastores öffnen.

Da Herzilein noch nicht mit dem Selektionstor zurechtkommt, erhält ihr Kalb weiterhin Milch im Nuckeleimer. Rosamunde lässt dieses Kalb nach wie vor nicht am Euter saufen.

20.5.

Nachdem gestern eines der Kälber ausgebrochen war, musste das Kalb wieder eingefangen werden und der Zaun an einer Stelle etwas verstärkt befestigt werden. 

Das Ausgangstor wurde dann auch gleich noch etwas anders (leichter) gebaut (siehe Bild unter diesem Text), so dass Rosamunde leichter durchgehen kann. Ich frage mich, ob Rosamunde nicht durch das Tor läuft, weil sie unbedingt beim Kalb bleiben möchte oder weil sie keine Ahnung hat, dass sie das Tor selbständig öffnen kann.

 

Jetzt ist es mittlerweile Abend geworden. Ich habe gerade gesehen, dass Rosamunde heute vier Mal durch das Selektionstor in den Kälberbereich gelassen wurde. Da sie niemand rausgelassen hat, muss sie es alleine gemacht haben. Den Melkroboter hat sie ebenfalls heute zweimal alleine besucht. 

WOW!!! Das bedeutet, dass Rosamunde heute alles alleine gemacht hat! Sie alleine kann entscheiden, wann sie zum Melkroboter geht oder wann sie die Milch an ihr Kalb abgeben möchte! Beides hat sie heute gemacht. Das ist einfach fantastisch. Es bedeutet, dass dieses Projekt tatsächlich funktionieren kann! Jetzt sind die nächsten Tage spannend. Wird Rosamunde weiterhin alles so machen wie heute, wäre das Projekt ein voller Erfolg. Dann wäre nur noch die Frage zu klären, wie in ein paar Wochen die Abgewöhnung und langsame Trennung funktioniert. Außerdem ist es bei jeder Kuh anders. Auch das wird mich sicherlich noch bei unterschiedlichen Kühen vor neuen Aufgaben stellen. Trotzdem: Bis hierhin bin ich sehr zufrieden. Das, was ich im Vorfeld erhofft habe, ist schneller eingetreten als erwartet.

Die Entwöhnung

Die Entwöhnung erfolgte in diesem ersten Versuch am 17. Tag nach der Geburt. In den letzten etwa 10 Tagen hat Rosamunde ihr Kalb alleine versorgt. Das Kalb hat sich hervorragend entwickelt. Rosamunde ist täglich drei bis viermal in den Kälberstall gekommen und zwei bis drei Mal zum Melkroboter gelaufen.

Die Entwöhnung beginnt zunächst mit einer anderen Einstellung des Selektionstores. Rosamunde darf jetzt erst dann in den Kälberstall, wenn sie kurz vorher beim Melken war. Auf dem Video unten ist dann zu sehen, was passiert. Das Kalb hat Hunger und möchte Milch aus dem Euter saufen. Da hier keine Milch mehr drin ist, ist es etwas unangenehm für die Kuh. Zu erkennen ist das am leichten Treten der Kuh. Nach kurzer Zeit habe ich dann dem Kalb Milch im Nuckeleimer angeboten. Diese Milch wurde auch vom Kalb getrunken. Die Umstellung auf einen Nuckeleimer ist diesem Kalb nicht ganz so schwer gefallen, weil es am ersten Tag bereits einmal Milch aus so einem Eimer bekommen hat.

In der ersten Nacht der Entwöhnung gab es allerdings auch schon ein Problem. Da die Einstellung am Selektionstor versehentlich falsch war, konnte Rosamunde nicht zu ihrem Kalb in den Stall. Das führte zu lautem Rufen von Kalb und Kuh- und das um halb zwei Uhr nachts! Das konnte ich so dann nicht belassen und musste in der Nacht noch einmal Kuh und Kalb zusammenlassen. In dieser Nacht ist mir noch mal besonders in Erinnerung gebracht worden, dass die Entwöhnung unbedingt langsam und schonend vollzogen werden muss. Ansonsten ist es für Kalb und Kuh einfach hart.

In den nächsten Tagen konnten sich Rosamunde und ihr Kalb immer an diesem Gatter treffen. Sozialer Kontakt ist also weiterhin möglich. Aber die Bedürfnisbefriedigung (Hunger stillen beim Kalb, bzw. Euterdruck senken bei der Kuh) erfolgt jetzt unabhängig davon am Nuckeleimer, bzw. Melkroboter. 

Nachdem das Kalb jetzt ein paar Tage Milch über den Nuckeleimer erhalten hat, folgt nun der nächste Schritt. Die beiden Versuchskälber wechseln ihren Aufenthaltsort und wohnen ab sofort im Kälberstall. Hier gibt es Milch in Form von Milchpulver über einen Tränkeautomat. Der Tränkeautomat versorgt die Kälber jetzt abhängig vom Alter mit unterschiedlichen Milchmengen und entwöhnt sie nach etwa drei Monaten ganz langsam von der Milch. Ein Kontakt zu den Kühen ist weiterhin möglich. In diesem Stall bleiben die Kälber etwa bis zum 8. Lebensmonat. 

Fazit der ersten Wochen

Insgesamt ziehe ich ein sehr positives Fazit. Ich hätte ehrlich gesagt nicht geglaubt, dass die Kuh nach so kurzer Zeit alles alleine erledigt. Ich dachte eigentlich auch, dass an den Einstellungen des Melkroboters noch ganz viel getüftelt werden müsste, um eine Kombination von Melken am Roboter und Kalb versorgen zu ermöglichen. Die größte Schwierigkeit hatte ich darin gesehen, das Kalb davon abzuhalten, mit der Kuh den Kälberstall zu verlassen. Aber das ist überhaupt nicht passiert.

Die aufgetretenen Probleme lagen eigentlich eher im unzulänglich gebautem Kälberbereich. Aber da haben mir die Kühe die Schwachstellen ja schön aufgezeigt und somit sollte es in der nächsten Runde einfacher werden..

Jetzt bin ich gespannt auf die nächste Runde. Heute und gestern haben drei Kühe gekalbt. Mal sehen, wie das ganze mit mehreren Kühen und Kälbern so läuft.

Einige Fragen möchte ich zukünftig gerne noch klären:

  • Hat diese Form der Aufzucht Einfluss auf das Verhalten der Kälber und Kühe auch nach der Tränkezeit?
  • Wie entwickelt sich die Milchleistung der Kühe, die ihre Kälber selbst versorgen? Wird sie geringer, bleibt sie gleich oder steigt sie vielleicht sogar an?
  • Wie mache ich diesen Kälberstall tauglich für den Winter? 
  • Welchen Einfluss hat dieses System auf die Kälbergesundheit?
  • Welches Alter ist das richtige zur Entwöhnung (ca. drei Wochen oder vielleicht doch die ganzen drei Monate?)
  • Wie gefährlich ist das System für die Menschen und wie kann man es so sicher wie möglich machen? Hintergrund: Es gibt Kühe, die ihre Kälber auch aggressiv verteidigen, wenn sich ein Mensch dem Kalb nähert!